In 2025 hat sich etwas verschoben — und zwar nicht leise.

In den vergangenen zwölf Monaten hat eine Serie politischer Ereignisse digitale Souveränität von einem politischen Schlagwort zu einem operativen Planungsfaktor gemacht. Regierungen verabschieden Pflichten, bilden neue Allianzen und bauen alternative Infrastrukturen in einem Tempo auf, das vor zwei Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre.

Wer IT in einer europäischen Organisation verantwortet, kann das nicht mehr als Hintergrundrauschen abtun. Es wirkt sich bereits jetzt auf Beschaffung, Compliance, Formate und Lieferantenbeziehungen aus.


Was passiert: Der geopolitische Umbruch 2025–2026

Eine Weltordnung bricht auf

Im Januar 2026 hielt der kanadische Premierminister Mark Carney beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine viel beachtete Rede mit dem Titel „Principled and Pragmatic: Canada’s Path". Er beschrieb den aktuellen Moment als einen „Bruch in der Weltordnung" und rief Mittelmächte dazu auf, wertebasierte Koalitionen zu bilden, statt sich auf einen einzigen dominanten Verbündeten zu verlassen.

Carney wiederholte und vertiefte diese Botschaft in einer Rede vor dem australischen Parlament. Er stellte explizit fest, dass die traditionelle, von den USA geführte Weltordnung zerbricht — und dass Länder wie Kanada und Australien agile, themenspezifische Koalitionen zum Schutz gemeinsamer Interessen aufbauen müssen.

Die USA ziehen sich aus dem Multilateralismus zurück

Der Hintergrund dieser Reden ist drastisch. Im Januar 2026 trat die Trump-Regierung aus 66 internationalen Organisationen aus, darunter mehrere UN-Gremien. Unabhängig von der eigenen politischen Einordnung ist die operative Botschaft klar: Annahmen über eine stabile transatlantische Übereinstimmung bei Standards, Daten-Governance und Technologiepolitik sind nicht mehr sicher.

Neue Handelsarchitekturen entstehen

Die EU und die Transpazifische Partnerschaft haben formelle Verhandlungen über einen gemeinsamen Handelsblock aufgenommen — rund 40 Staaten und 1,5 Milliarden Menschen. Es geht dabei nicht nur um Zölle. Handelsblöcke definieren zunehmend Regeln für Datenflüsse, digitale Standards und Technologiebeschaffung.


Warum die IT-Abteilung sich damit befassen muss

Das ist nicht nur Geopolitik für Nachrichtenjunkies. Es übersetzt sich direkt in IT-Risiken:

1) Rechtliche Exposition: Das CLOUD-Act-Problem

Der CLOUD Act erlaubt US-Behörden, Daten von Anbietern mit US-Hauptsitz anzufordern — unabhängig davon, wo die Daten physisch gespeichert sind. Da die transatlantischen Beziehungen unberechenbarer werden, wächst das rechtliche Risiko, europäische Daten bei US-Anbietern zu speichern.

Das ist kein theoretisches Szenario. Jede Organisation, die der DSGVO oder branchenspezifischen Regulierungen unterliegt (Gesundheitswesen, Finanzsektor, öffentliche Verwaltung), sollte sich fragen: Können wir nachweisen, dass unsere Auftragsverarbeitungsverträge standhalten, wenn sich die US-Politik weiter verschiebt?

2) Vendor Lock-in als strategisches Risiko

Wenn Office-Suite, Identity-Provider, Cloud-Plattform und Collaboration-Tools alle aus demselben US-Anbieter-Ökosystem stammen, ist man nicht nur technisch gebunden — man ist geopolitisch exponiert. Sanktionen, Exportkontrollen, Politikwechsel oder auch nur Unternehmensentscheidungen in Redmond oder Mountain View können den Betrieb auf eine Weise stören, die kein SLA abdeckt.

Stellen Sie sich vor: Was passiert mit Ihrem Betrieb, wenn ein Anbieter einseitig die Bedingungen ändert, die Preise um 30 % anhebt oder den Funktionszugang in Ihrer Region einschränkt? Das sind keine hypothetischen Szenarien — sie sind bereits vorgekommen.

3) Format- und Beschaffungspflichten

Regierungen bewegen sich von Empfehlungen zu Pflichten. Wer öffentliche Auftraggeber bedient, in regulierten Branchen liefert oder in Rechtsräumen operiert, die offene Standards einführen, muss seine Softwareauswahl anpassen — und zwar zeitnah.

Die deutsche ODF-Pflicht ist das prominenteste Beispiel, aber sie wird nicht das letzte sein. Sobald ein großer EU-Mitgliedstaat offene Formate für die öffentliche Verwaltung vorschreibt, ziehen andere typischerweise innerhalb von 18–24 Monaten nach.

4) Lieferketten- und Kontinuitätsrisiko

Der Rückzug aus 66 internationalen Organisationen signalisiert ein breiteres Muster: Die USA priorisieren die multilateralen Rahmenwerke, die stabile Technologiepartnerschaften getragen haben, nicht mehr. Für IT-Abteilungen bedeutet das: Annahmen über langfristige Verfügbarkeit, Interoperabilitätszusagen und Support-Kontinuität von US-Anbietern müssen überprüft werden.


Was sich bereits konkret ändert

Deutschlands ODF-Pflicht

Im März 2026 hat Deutschland ODF für die gesamte öffentliche Verwaltung zur Pflicht gemacht, mit vollständiger Umsetzung bis 2027. Microsoft-Office-Formate (.docx, .xlsx, .pptx) werden schrittweise abgelöst. Das ist kein Pilotprojekt — es ist ein verbindlicher Beschluss.

Schleswig-Holstein: Beweis, dass es funktioniert

Das Land Schleswig-Holstein hat bereits rund 80 % seiner Arbeitsplätze auf LibreOffice migriert und spart geschätzt 15 Millionen Euro pro Jahr. Bundeskanzler Merz stellt nun auf openDesk um, die souveräne digitale Arbeitsplatzplattform.

Deutsch-Französischer Gipfel zur digitalen Souveränität

Im November 2025 haben Frankreich und Deutschland einen Gipfel zur digitalen Souveränität einberufen, um Handlungsfelder zu identifizieren — KI, Dateninfrastruktur und digitale Werkzeuge für den öffentlichen Sektor. Eine gemeinsame Taskforce wurde gestartet, die 2026 konkrete Empfehlungen vorlegen soll.

Das European Digital Infrastructure Consortium (EDIC)

Im Juli 2025 haben Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande das EDIC für Digitale Gemeingüter gegründet, ein formelles Konsortium zur gemeinsamen Entwicklung souveräner digitaler Werkzeuge. Projekte wie openDesk sind ein direktes Ergebnis dieser Initiative.

Die breitere europäische Bewegung

Der Trend ist gut dokumentiert. Foreign Policy veröffentlichte im Februar 2026 „Europe’s Digital Sovereignty Means Decoupling From U.S. Technology". The Register titelte im Dezember 2025 „Europe gets serious about cutting US digital umbilical cord". France 24 fragte, ob die EU einen glaubwürdigen Plan hat, ihre digitale Abhängigkeit von US Big Tech zu reduzieren.

Das sind keine Nischenmedien. Die Diskussion ist von Aktivistenkreisen in die etablierte Politik- und Wirtschaftsberichterstattung gewandert.


Was Organisationen jetzt tun sollten

Niemand muss über Nacht alles ersetzen. Aber ein Plan ist nötig — und „abwarten" ist selbst eine Entscheidung mit wachsendem Risiko.

1) Abhängigkeiten prüfen

Erfassen Sie, wo Ihre kritischen Systeme, Daten und Arbeitsabläufe von Anbietern mit US-Hauptsitz abhängen. Berücksichtigen Sie Cloud-Infrastruktur, Office-Produktivität, Identitätsmanagement, E-Mail und Collaboration. Seien Sie konkret: Welche Dienste würden ausfallen, wenn ein Anbieter morgen den Zugang einschränkt? Welche Daten könnten Sie nicht exportieren?

2) Rechtliche und regulatorische Exposition bewerten

Verstehen Sie, wie der CLOUD Act, sich entwickelnde EU-Regulierungen und neue Formatpflichten wie Deutschlands ODF-Vorgabe Ihre konkrete Situation betreffen. Wer öffentliche Auftraggeber in der EU bedient, sollte das als dringend einstufen. Auch im Privatsektor können Partner und Kunden bald ODF oder souveränes Hosting verlangen.

3) Offene Alternativen evaluieren

Lösungen wie LibreOffice, Nextcloud, openDesk und Linux-basierte Infrastruktur sind ausgereift und produktionsbereit. Die Frage ist nicht „ob", sondern „wie" — und der Migrationspfad ist wichtiger als das Ziel. Starten Sie mit einem kleinen Proof-of-Concept in einem unkritischen Bereich, um Vertrauen und interne Expertise aufzubauen.

4) Hybridbetrieb einplanen

Migration muss nicht alles-oder-nichts sein. Ein phasenweiser Ansatz — erst Dokumentenformate, dann Collaboration-Tools, dann tiefere Infrastruktur — ermöglicht Risikomanagement bei gleichzeitigem Kompetenzaufbau. Schleswig-Holstein hat nicht 30.000 Arbeitsplätze über Nacht umgestellt. Man begann mit Piloten, maß Ergebnisse und skalierte auf Basis von Evidenz.

5) Interne Kompetenz aufbauen

Das größte Risiko bei jeder Migration ist nicht die Software — es ist die Wissenslücke. Investieren Sie in Schulung, Dokumentation und Betriebshandbücher, bevor Sie umstellen. Ziehen Sie externes Coaching während der Übergangsphase in Betracht — und stellen Sie sicher, dass das Wissen danach im Haus bleibt.

6) Mit Formaten beginnen

Selbst wenn eine vollständige Migration noch Jahre entfernt ist: Heute ODF als Standard-Dokumentenformat einzuführen kostet fast nichts und reduziert sofort den Lock-in. Die meisten modernen Office-Suiten — inklusive Microsoft Office — können ODF lesen und schreiben. Diese eine Änderung jetzt gibt Ihnen später strategische Flexibilität.


Wie wir unterstützen können

Bei do IT smart. sind wir genau auf diese Art von Übergang spezialisiert: pragmatische, phasenweise Migrationen von proprietären Ökosystemen zu offenen, souveränen Alternativen — ohne den laufenden Betrieb zu gefährden.

Ob Sie eine Abhängigkeitsanalyse, eine Migrations-Roadmap oder praktische Unterstützung bei einer Office-Suite-Umstellung benötigen — wir bringen sowohl die technische Tiefe als auch die strategische Perspektive mit.

Kontakt aufnehmen, um Ihre Situation zu besprechen, oder erfahren Sie mehr über unsere Office-Migrations-Services.


Weiterführende Artikel


Quellen